Viszeralmedizin 2019, 2. - 5. Oktober
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1933 – Die ausgefallene 12. Tagung

Geplante 12. Tagung (Vorsitz Hermann Strauß)

Berlin, September 1933

Hermann Strauß

Berlin

Ausschluss der jüdischen Mitglieder - Ausfall der Tagung

„Der Vorsitzende teilt mit, dass am 29. 4. 1933 Vorstand und Ausschuss ihre Ämter niedergelegt und die Wahrnehmung der Interessen der Gesellschaft dem stellvertretenden Vorsitzenden Prof. Hegler und dem bisherigen Generalsekretär Prof. von den Velden übertragen haben. Allen Mitgliedern war zur Kenntnis gebracht worden, dass die für Herbst 1933 vorgesehene Tagung der Gesellschaft auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im Anschluß an die Frühjahrstagung in Wiesbaden 1934 stattfinden würde“. Diese dürren Worte Carl Heglers umschreiben die tiefgehende Zäsur, die im April 1933 die Gesellschaft traf. Sie war Folge der Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Ärzte durch die NS-Herrschaft und der „Gleichschaltung“ auch der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Etwa ein Viertel der Mitglieder im Jahre 1932 war jüdischer Herkunft. Sie wurden aus dem Mitgliederverzeichnis gestrichen. 1938 war der Mitgliederstand mit 215 gegenüber 1932 um nahezu 50% reduziert.
Fünf ( Boas, Rosenfeld, Biedl, Hijmans van den Bergh, Korányi ) der elf Vorsitzenden zwischen 1914 und 1933 waren jüdische Ärzte und Wissenschaftler. Vier des im Frühjahr 1933 amtierenden sechsköpfigen Vorstandes, nämlich Hermann Strauß, Paul Wolff, Ferdinand Blumenthal und Otto Porges, wurden gezwungen zurückzutreten. Reinhard von den Velden konnte bis 1936 in seiner Funktion verbleiben. Der beratende Ausschuss der Gesellschaft bestand aus 20 Mitgliedern, zu denen Leopold Lichtwitz, Paul F. Richter, Georg Rosenfeld, Heinrich Schur und Walter Zweig zählten. Ein neuer Ausschuss wurde zwischen 1933 und 1945 nicht mehr berufen.

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Vita

Hermann Strauß (geb. 1868 in Heilbronn, gest. 1944 im Ghetto Theresienstadt) war seit 1910 Ärztlicher Leiter der Abteilung Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Er hatte sich bei Carl Anton Ewald, Franz Riegel und bei Hermann Senator an der III. Medizinischen Universitätsklinik der Charite ambitioniert zum Internisten ausgebildet. Die Reststickstoff-Bestimmung zur Nierenfunktionsprüfung, die kochsalzarme Diät als Therapie und die Konstruktion der „Strauß-Kanüle“ zur einfachen venösen Blutentnahme gehen auf ihn zurück. 1897 habilitiert wurde Strauß 1902 zum a.o. Professor der Berliner Universität ernannt. Seit 1900 widmete er sich zunehmend den Verdauungskrankheiten: Er führte die Laevulose-Probe als Leberfunktionstest ein, die er mit dem späteren Immunologen Hans Sachs erarbeitet hatte und entwickelte gemeinsam mit Georg Wolf jenes Recto-Sigmoidoskop , das über mehr als sieben Jahrzehnte Standardinstrument war. Strauß befasste sich zudem eingehend mit den Erkrankungen von Rectum und Sigma. Er wurde im Juli 1942 aus Berlin in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

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Vorstand der DGVS

Seit 1925 war Reinhard von den Velden (geb. 1880 in Strassburg, gest. 1941 in Buenos Aires) Generalsekretär der Gesellschaft. Er wurde 1907 in Marburg für Innere Medizin und experimentelle Pathologie habilitiert und erhielt 1912 eine a.o. Professur. 1919 wechselte er als Leiter der Poliklinik an die I. Medizinische Klinik der Charité zu Wilhelm His Jr. 1920 wurde er Chefarzt am Städtischen Krankenhaus Berlin-Wilmersdorf und 1932 am Krankenhaus in Reinickendorf als Nachfolger Felix Klemperers. Diese Stellung verlor er im Mai 1933. Von den Velden beschäftigte sich u.a. mit Fragen der Endokrinologie und mit der angewandten Pharmakologie. Seit 1930 war er Schriftleiter der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Wegen eines jüdischen Großelternteiles wurde er 1935 von der Gestapo vorgeladen, Ende 1936 legte er seine Lehrtätigkeit an der Berliner Universität nieder. 1939 kehrte er von einem Argentinien-Aufenthalt nicht mehr nach Deutschland zurück.

Der Stellvertreter von den Veldens Paul Oswald Wolff (gest. 1957 in Genf) wurde 1929 an der Berliner Universität für das Fach Pharmakologe habilitiert. Er war u.a. Sachverständiger des Reichsgesundheitsamtes und des Reichsinnenministeriums für Arzneimittelfragen. Von 1925 bis 1933 war Wolff Schriftleiter der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Mit dem 1. April 1933 musste er aus der Schriftleitung ausscheiden und emigrierte in die Schweiz. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Wolff innerhalb der WHO in Genf tätig.

Der Schatzmeister der Gesellschaft Ferdinand Blumenthal (geb. 1870 in Berlin, umgekommen 1941 bei Narwa), renommierter Krebsforscher, hatte sich in physiologischer Chemie bei Ernst Salkowski im chemischen Labor der Instituts für Pathologie der Berliner Universität fortgebildet. Seine klinische Ausbildung erhielt er an der I. Medizinischen Klinik der Charité bei Ernst von Leyden. Seit 1917 leitete er das Institut für Krebsforschung an der Charité, seit 1923 als alleiniger Institutsleiter. Die Institution war modern strukturiert und versammelte zahlreiche innovative Persönlichkeiten. Blumenthal warb unermüdlich für interdisziplinäre Tumorkonferenzen und eine multimodale Tumortherapie. Im Mai 1933 emigrierte er. Nach einem längeren Aufenthalt in Jugoslawien gelangte Blumenthal 1939 nach Estland. Bei einem Transport in die UdSSR kam er 1941 bei einem Angriff der Deutschen Luftwaffe ums Leben.

Otto Porges (geb. 1879 in Brandeis/Böhmen, gest. 1967 in Chicago) bildete sich zunächst im Institut für Bakteriologie der Universität Wien und 1907 im Robert-Koch-Institut in Berlin fort. 1908 wurde er Assistent bei Carl von Noorden an der I. Medizinischen Universitätsklinik Wien. Bei Noordens Nachfolger Karel F. Wenckebach war Porges Oberarzt der Klinik, die er nach dessen Emeritierung von 1929 bis 1933 kommissarisch leitete. Nachdem Hans Eppinger an die Klinik berufen wurde, schied Porges aus der I. Medizinischen Klinik aus. 1938 emigrierte er in die USA und war im Northwestern Medical School Hospital in Chicago tätig. Porges befasste sich mit Stoffwechselstörungen, insbesondere dem Diabetes mellitus und mit den Verdauungskrankheiten. 1929 stellte er gemeinsam mit Max Josef Heilpern die Gastrophotographie vor und verfasste Monographien über Magen - und Darmkrankheiten.

Nach 1934 fanden noch zwei Tagungen, 1936 in Berlin und 1938 in Stuttgart statt. Hans Eppinger war als Vorsitzender für den Kongress 1939 gewählt. Dieser kam wegen des Beginns des Zweiten Weltkrieges nicht zustande. 1936 schied von den Velden als Generalsekretär aus. Seine Funktion wurde dem Berliner Internisten Heinrich von Hoesslin (1880 – 1955) übertragen.

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