Rede des Kongresspräsidenten 2019

Sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen,
wissenschaftlich hat die Gastroenterologie in letzten Jahren großartige Erfolge erzielt, denken Sie an die Sprunginnovation in der Therapie der Hepatitis C, die zahlreichen neuen Therapieprinzipien in der Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen, die kontinuierlichen Fortschritte in der Therapie gastrointestinaler Tumoren, an die innovativen Fortschritte in Endoskopie.

Auch in den kommenden Jahren sind weitere therapeutische Fortschritte in der Behandlung der chronischen Hepatitis B und D, der nicht-alkoholischen Fettlebererkrankung, in der Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen und gastrointestinaler Tumore zu erwarten. Langsam, aber stetig werden sich auch die Forschungsergebnisse der Mikrobiota-Forschung in Therapiekonzepte umsetzen. Die Endoskopie wird durch künstliche Intelligenz, Robotik und Verarbeitung von Big Data eine weitere Revolution erleben. Die Gastroenterologie ist also heute und morgen gut aufgestellt, aber können uns langfristig sorgenlos zurücklehnen?

Sorgen könnte man sich schon machen, dass die Behandlung der NASH in der Zukunft bei den Diabetologen und Kardiologen liegen wird, die virusbedingten Erkrankungen sowie die therapeutischen Entwicklungen der Mikrobiota-Forschung in der Hand der aufstrebenden Infektiologen, die Behandlung der Patienten mit CED aufgrund der Medikamentenüberlappung bei den Rheumatologen, die gesamte gastrointestinale Onkologie wie in allen anderen westlichen Ländern bei den Hämato-Onkologen und die Endoskopie aufgrund der Automatisierung und Robotik beim medizinischen Fachangestellten sein werden.

Nein, ich bin nicht bange, dieser Jahreskongress unterstreicht gerade mit den wissenschaftlichen Beiträgen, dass wir zahlreiche junge, engagierte Kolleginnen und Kollegen in der Viszeralmedizin haben, denen ich fest zutraue, dass Fach erfolgreich zusammen zu halten und weiterzuentwickeln.

Die Nachwuchsrekrutierung wird aber der Schlüssel für den langfristigen Erfolg jeder Fachdisziplin darstellen. Ich unterstütze daher vehement alle Aktivitäten unserer Fachgesellschaft, die gesamte Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, um bereits Studierende auf unser breit aufgestelltes Fach aufmerksam zu machen. Wir müssen es als besonderes Asset herausstellen, dass die internistische wie auch die chirurgische Viszeralmedizin gleichsam zum Generalisten wie auch zum Spezialisten ausbildet und daher ein besonders attraktives Gebiet für die Weiterbildung junger Kolleginnen und Kollegen ist. Natürlich muss es uns auch klar sein, dass die Weiterbildung in unserem Fach eine zeitgemäße Gestaltung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie gendergerechte Bedingungen anbieten muss. Gendergerechtigkeit haben wir dieses Jahr zu einem der Hauptthemen dieses Kongresses gemacht: Wie Sie zum Beispiel im Programm sehen können, sind erstmalig alle Vorsitze der wissenschaftlichen Sitzungen genderparitätisch besetzt.

Das Motto des diesjährigen Jahreskongresses lautet „Viszeralmedizin – Interdisziplinär im Mittelpunkt der Medizin“. Dieses Motto soll herausstellen, dass die Viszeralmedizin – bei aller erforderlichen sinnvollen Spezialisierung – einen zentralen Anspruch auf eine Portalfunktion in Klinik und Praxis erhebt. Die Viszeralmedizin besitzt die Kompetenz für eine ganzheitliche Betrachtung unserer Patientinnen und Patienten in der ambulanten, stationären und intensivmedizinischen Betreuung.

In unserem ärztlichen und berufspolitischen Handeln sollten wir alles unternehmen, die Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten stärker in den Mittelpunkt der Medizin zu rücken. Erleben Sie diesen Kongress daher nicht nur als ein Plädoyer für die Spezialisierung, sondern auch für Interdisziplinarität und die Breite unseres Fachs.

Während die Notwendigkeit einer Portalfunktion in der ambulanten Medizin durch den Hausarzt oder Allgemeininternisten politisch unstrittig ist, beobachtet man aber in den deutschen Krankenhäusern einen entgegengesetzten Trend: Allgemeine internistische Kliniken werden zugunsten hochspezialisierter Abteilungen reduziert oder abgebaut. Zwischen den Sektoren verliert sich die Kongruenz für eine allgemeine Innere Medizin. Wie Sie wissen, ist diese Entwicklung ökonomisch motiviert: Die Vergütung für einzelne hochspezialisierte Leistungen ist lukrativer als die Versorgung multimorbider Patienten.

Die Rolle des niedergelassenen Gastroenterologen ist klar als ambulanter Spezialist definiert. Wie aber verhält es sich für den Gastroenterologen in der Klinik? Reiht er sich besser in die Gruppe der Spezialisten und Subspezialisten ein oder sollte er sich motiviert zeigen, Verantwortung in der entstehenden Lücke fehlender allgemein-internistischer Kompetenz an den Krankenhäusern zu übernehmen?

Etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland haben aber gleichzeitig mehrere akute oder chronische Krankheiten – sie sind per Definition multimorbide. Bis zu 90 Prozent der in den internistischen Kliniken stationär behandelten Menschen sind mehrfach erkrankt. Doch bei der Behandlung steht zunehmend nur noch die Krankheit im Vordergrund, die unmittelbar Anlass für den Krankenhausaufenthalt war. So mehren sich Fälle – wir beobachten es täglich – bei denen Patienten Eingriffe bei optimiert kurzer Liegezeit im Krankenhaus erhalten, gleichzeitig aber andere Erkrankungen, die nicht Teil des Fachgebiets der behandelnden Abteilung sind, übersehen und nicht behandelt werden.

Der Anteil multimorbider Patienten mit häufig mehreren Volkskrankheiten wird weiterwachsen. Das Zusammentreffen verschiedener Erkrankungen erfordert komplexe Behandlungsstrategien. In welche Klinik aber weist ein niedergelassener Arzt diese Patienten ein? Hochspezialisierte Einrichtungen fühlen sich nicht zuständig. Allgemeininternistische Kliniken wären dafür prädestiniert, doch sie sind und werden immer mehr zur Mangelware. Als Konsequenz bleibt daher für niedergelassene allgemeinärztlich tätige Kolleginnen und Kollegen nur die Einweisung in die zentrale Notaufnahme eines Krankenhauses. Soll man doch dort entscheiden, wo der multimorbide Patient am besten aufgehoben sein könnte.

Die Einweisung in die zentrale Notaufnahme trifft die Krankenhäuser an einem besonders vulnerablen Punkt. Denn die Notaufnahmen sind ohnehin schon völlig überlastet. Da allgemeininternistische Abteilungen aus ökomischen Gründen an immer mehr Krankenhäusern fehlen, beginnt in den ohnehin übervollen Notaufnahmen ein hektisches Telefonieren, welche spezialisierte Station oder Klinik den Patienten aufnehmen könnte. Die Suche dauert nach Statistiken größerer Häuser im Schnitt einen Tag. So geht bei der medizinischen Versorgung des Patienten wertvolle Zeit verloren. Dieses Treiben nennt sich heute „Case-Management“. Letztendlich ist es der hilflose Versuch, mit einem Notstand zurecht zu kommen, der sich aus der zunehmenden Spezialisierung der Krankenhausabteilungen ergeben hat.

Die aktuellen gesundheitspolitischen Pläne, die Notaufnahmen zahlenmäßig zu verringern, dafür jedoch qualitativ zu verbessern, werden die Situation weiter verschärfen. Die Zentralisierung von Notaufnahmen wird wahrscheinlich das klinische Spektrum erweitern und kann die Versorgungsqualität verbessern. Das ist wünschenswert. Allerdings werden die Notaufnahmen insbesondere an jenen Kliniken geschlossen werden, die bislang noch allgemeininternistische Abteilungen betreiben. In Krankenhäusern der Maximalversorgung, die bereits einen hohen Grad an Spezialisierung ihrer Abteilungen aufweisen, sollen die Notaufnahmen ausgebaut werden. Das heißt: Genau in diesen Häusern wird es immer schwieriger, mehrfach erkrankte Patienten angemessen zu behandeln. Eine Unterversorgung ist vorprogrammiert

Was ist zu tun? Das Diktum einer ambulanten Portalfunktion, wie sie die Hausarztmedizin im ambulanten Sektor hat, muss auf den stationären Bereich übertragen werden. Kliniken sollten verpflichtend Abteilungen für Allgemeine Innere Medizin vorhalten. Dies wäre in Analogie zu den chirurgischen Fächern, denn hier sind Abteilungen für Allgemein- und Viszeralchirurgie sehr gut etabliert. Die Viszeralmedizin spielt hierbei auf internistischer Seite eine entscheidende Rolle: Das Fach, dass sich mit sämtlichen Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten beschäftigt, deckt ein in der Inneren Medizin kaum vergleichbar großes Spektrum an Organen und Erkrankungen ab und ich wage zu behaupten, dass der Gastroenterologe heute den verbliebenen Allgemein-Internisten repräsentiert. Der Gastroenterologe ist prädestiniert, Patienten ganzheitlich zu behandeln und sollte Anspruch auf die Leitung von Kliniken für Allgemein- und Viszeralmedizin erheben.

Sie sehen worauf ich hinaus möchte. Ich denke, dass die Viszeralmedizin, das heißt die Gastroenterologie, die beste aller Möglichkeiten darstellt, Portalfunktion im Krankenhaus zu übernehmen. Ich erachte es für eine wichtige strategische Entwicklung einerseits, die Spezialisierung in der Gastroenterologie vorzuhalten und voranzutreiben, gleichzeitig aber dem Krankenhausträger zu vermitteln, dass dem Viszeralmediziner, ergo dem Gastroenterologen, die Verantwortung für die allgemeine Innere Medizin zuzufallen hat. Dies wiederum bedeutet, dass dem Gastroenterologen eine führende und leitende Funktion in den Notaufnahmen, den Aufnahmestationen, allgemein-internistischen Stationen und der intermediate Care sowie Intensivmedizin zufallen muss. Diese Verantwortlichkeiten sind Schlüsselpositionen in der stationären Versorgung und werden naturgegeben die berufspolitische Bedeutung unseres Faches stärken.

Die benötigte gesamtheitliche Krankenversorgung muss schrittweise der hochspezialisierten, selektiven Versorgung gleichgestellt werden, vor allem finanziell. Dazu wird es notwendig sein, die Fallpauschalen mit Blick auf die Behandlung multimorbider Patienten anzupassen. Es zu kurz gesprungen, die Zahl der zentralen Notaufnahmen zu reduzieren. Die Zahl der Krankenhäuser insgesamt muss gesenkt werden. Jedes Krankenhaus sollte dann aber zwingend stationäre Behandlungseinheiten und Kompetenzen vorhalten müssen, die den Millionen mehrfach erkrankten Patienten in unserem Gesundheitssystem gerecht werden können.

Ich möchte daher alle in den Krankenhäusern tätigen Kolleginnen und Kollegen ermutigen, ein in diese Richtung weisendes Engagement zu verstärken und mehr Verantwortung in der aufgehenden Lücke der stationären allgemein-internistischen Versorgung zu übernehmen. Diese breitere Verantwortung kann unser Fachgebiet nur weiter stärken, die Weiterbildung für junge Kolleginnen und Kollegen attraktiver machen, die Kompetenz bei einer späteren Niederlassung erweitern und unseren Nachwuchs sichern.

„Viszeralmedizin – Interdisziplinär im Mittelpunkt der Medizin“ – ich wünsche Ihnen interessante, spannende Tage mit breiter Fortbildung und interdisziplinärem Austausch auf diesem Kongress. Vielen Dank!

Ihr
Univ.-Prof. Dr. med. Stefan Zeuzem
Kongresspräsident 2019