Vorstellung Partnerland Polen

Partnerland der Viszeralmedizin 2017 – Polen

DGVS und DGAV begrüßen in diesem Jahr Polen als Partnerland der Viszeralmedizin.

Die Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten verstand sich seit ihrem Beginn 1913/1914 als übernational/europäisch und als interdisziplinär (den Zusatz „Deutsch“ erhielt sie Ende 1938 während des NS-Regimes). Ismar Boas, dem Begründer der Gastroenterologie, waren die Kontakte zu den ausländischen Gastroenterologen wesentliches Anliegen. Im Archiv für Verdauungskrankheiten („BoasArchiv“) wurde regelmäßig über die ausländische Fachliteratur referiert, so seit 1896 auch über die polnischen Beiträge für das neue Fachgebiet der Gastroenterologie.

Bereits 1909 gingen die frühen polnischen „Magen-Darm-Ärzte“ voran: in Warschau gründete Dr. Mikolaj Rejchman die Polnische Gesellschaft für Gastroenterologie, die sich allerdings nicht polnisch nennen durfte und als gastroenterologische Sektion der Warschauer Medizinischen Gesellschaft firmierte (der östliche Teil Polens befand sich in jener Zeit unter russisch-zaristischer Herrschaft, die staatliche Wiedergeburt erfolgte nach dem 1. Weltkrieg im November 1918). 1926 wurde die Vereinigung offiziell als eigenständige wissenschaftliche Fachgesellschaft registriert, sie bestand bis 1939. Durch regelmäßige Tagungen in Warschau sowie eine große Zahl von Vorträgen und Diskussionen hat sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt zur Förderung der neuen Fachdisziplin Gastroenterologie beigetragen. 1929 begründete Dr. Bronisław Wejnert die Fachzeitschrift Gastrologja Polska, deren Erscheinen 1939 eingestellt werden musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die polnischen Gastroenterologen zunächst in einer Sektion der Polnischen Gesellschaft für Innere Medizin organisiert. 1977 führten die Initiativen Kornel Gibińskis, Katowice/Kattowitz, zur Wiederbegründung der eigenständigen Gesellschaft für Gastroenterologie (Polskie Towarzystwo Gastroenterologii). Prof. Gibiński (1915-2012), einer der führenden polnischen Gastroenterologen und Endoskopiker seiner Zeit, vermittelte seit den 1960er Jahren vielfältige internationale Kontakte.

Kornel Gibiński war unter der deutschen Besetzung Polens von 1943 bis zum Januar 1945 im KZ Groß-Rosen inhaftiert. Ebenso muß in diesem Kontext an die Ermordung der Lemberger Professoren durch die Nationalsozialisten am 4. Juli 1941 erinnert werden. Zu den Opfern der NS-Herrschaft gehörten die Direktoren der Kliniken für Innere Medizin und Chirurgie der Jan-Kazimierz-Universität Lwow (Lemberg, heute Lwiw in der Ukraine), Professor Roman Rencki und Professor Tadeusz Ostrowski.

Die Verbindungen zwischen den deutschen und polnischen frühen Gastroenterologen und deren länderübergreifende Tätigkeit haben eine lange Tradition. Walery Jaworski (1849-1924), einer der Pioniere der Gastroenterologie in Polen, hielt sich vorübergehend in Erlangen bei dem Magenspezialisten Wilhlem von Leube auf und publizierte 1886 in der Zeitschrift für Klinische Medizin über den „Chemismus und Mechanismus der Verdauungsfunction des menschlichen Magens“ (Jaworski beschrieb 1899 spirillenförmige Bakterien, Vibrio rugula, der Magenschleimhaut, die in der Neuzeit als Helicobacter pylori identifiziert wurden). Der heute in Deutschland weitgehend vergessene deutsch-polnische Chirurg Ludwik Rydygier (Ludwig Ritter Riediger von Ruediger, 1850-1920) wurde in Graudenz/Grudziadz (früheres Westpreussen) geboren, studierte Medizin in Greifswald und Berlin, absolvierte einen Teil seiner chirurgischen Ausbildung bei Carl Hueter an der Chirurgischen Universitätsklinik in Greifswald und wurde an der Medizinischen Fakultät in Jena habilitiert. Rydygier, ein engagierter Verfechter des polnischen Nationalstaates, leitete die Chirurgischen Kliniken in Kulm/Chełmno, an der Jagiellonen-Universität Krakau/Kraków und seit 1897 an der Jan-Kazimierz-Universität Lemberg/Lwow (Lwiw). Er ist Vater der gastrointestinalen Chirurgie in Polen, war höchst innovativ und kreativ und führte neue Operationsverfahren (Gastroduodenostomie) ein, u. a. operierte er erfolgreich als erster eine Patientin mit einem benignen Magenulkus mittels Pylorusresektion. Die Biographie Johann von Mikulicz-Radeckis verläuft ebenso über Ländergrenzen hinweg: seine Eltern lebten zunächst in Lemberg/Lwow (Lwiw), v. Mikulicz wurde in Tscherniwizi/Czernowitz, der heutigen Ukraine, geboren und in Wien ausgebildet und war als Ordinarius für Chirurgie in Krakau/Kraków, Königsberg/Kaliningrad und Breslau/Wroclaw tätig.

Zwischen den deutschen und polnischen Gastroenterologen sind seit 1989/90 neue Kontakte entstanden. So wurde im Juni 1998 ein trilaterales Treffen zwischen der Mitteldeutschen Gesellschaft für Gastroenterologie und den Kolleginnen und Kollegen aus Polen und Tschechien in Torun/dem früheren Thorn realisiert. Die Einladung an das diesjährige Partner- und Nachbarland Polen nimmt historische Linien auf und ist gleichzeitig Ausdruck vielfältiger neuer Verbindungen und des gemeinsamen Gedankenaustausches über die Aufgaben heutiger Viszeralmedizin in unseren beiden Ländern. Zudem setzt diese Partnerschaft ein Zeichen in einer Zeit, in der in Europa von einem Auseinanderleben gesprochen wird.

Dr. med. Harro Jenss
Archivar der DGVS